成都寒假德培训:德文短篇:Adlerwarte
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成都寒假德语培训:德文短篇:Adlerwarte
Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in
welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf
dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten
Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine
besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit
der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit
nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die
Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des
Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre
Wege kreuzen würden.
Im Internet surfte sich Sheryll durch verschiedene Links, aus
denen sie Informationen in ihr Projekt mit einbauen könnte. Sie
hatte eine leitende Aufgabe für eine Werbekampagne übernommen,
die kommende Woche gestartet werden sollte. Sheryll liebte das
Zugfahren - bot es ihr doch die Möglichkeit, im Gegensatz zum
Autofahren, das Notwendige mit dem Nützlichen zu kombinieren.
Hatte sie einmal ihren Platz im Zug eingenommen und ihr Notebook eingeschaltet, dann konnte sie sich sehr gut auf ihre Arbeit
konzentrieren.
Leider gestaltete sich ihre Suche im Internet als sehr lästig,
da der ICE auf dieser Strecke so viele Tunnel - es sind genau 30
Stück - zu durchfahren hatte und ihr Handy-Internet-Anschluss
dann jedesmal zusammenbrach. So entschloss sich Sheryll,
stattdessen in ihrem Präsentationsprogramm weiterzuarbeiten. Die
Zeit verging wie im Fluge..... 10 Minuten vor dem Erreichen des
Frankfurter Hauptbahnhofes packte Sheryll ihr Notebook und ihre
übrigen Unterlagen zusammen in ihr Köfferchen und begann sich auf
den Ausstieg vorzubereiten. Was für sie Routine und Gewohnheit
war, erregte bei fremden Menschen doch immer wieder Aufsehen....
Sheryll hasste es, ständig angestarrt zu werden von neugierigen
oder mitleidigen Blicken.
Sie war das, was der Volksmund einen "Krüppel" nennt - ihre
Gliedmaße an Armen und Beinen waren von ihrer Geburt an verbogen,
die Beine unterschiedlich lang, so dass sie sich nur mittels einer
besonderen Krückenkonstruktion fortbewegen konnte. Außerdem war
sie alles andere als eine Schönheit - ihr Gesicht war ebenfalls
leicht verzerrt und wirkte manchmal wie aufgequollen. Trotzdem
vermochte sie durchaus, sich ohne Hilfe anderer Menschen zurecht
zu finden, was letztere jedoch oftmals aus falsch verstandenem Mitleid nicht wahrhaben wollten. So erhob sich auch heute ein
älterer Herr, um ihr zu helfen - wie immer lehnte sie die Hilfe
in freundlichem, aber bestimmtem Tonfall ab.
Das Schlimme an ihrer Behinderung war nicht die Behinderung,
schließlich kannte sie es nicht anders, sondern der Umstand, dass
ihr ständig mit Mitleid begegnet wurde. Ihre sozialen Kontakte
waren aus diesem Grunde auch nicht besonders vielfältig - privat
ging sie nur selten aus dem Haus und beruflich konzentrierte sie
sich auf ihre Arbeit und hatte dabei viele Erfolgserlebnisse, denn
sie lieferte gute Arbeit.
Der ICE kam langsam zum Stehen.
Karl genoss die Sicht auf den Alten Turm, erhob sich dann von
seiner Bank am Rheinufer von Rüdesheim und ging langsam Richtung
Bahnhof, um zurück nach Frankfurt zu fahren. Er hatte Urlaub und
sich einen Ausflug in dieses idyllische Städtchen am Rhein gegönnt,
wo er die Adlerwarte besuchen wollte und außerdem auch dem
Rheingauer Weinmuseum in der über 1000 Jahre alten Brömserburg
einen Besuch abgestattet hatte.
Am Frankfurter Hauptbahnhof angekommen richtete er seine Schritte
Richtung Altstadt, wo er eine schöne Dachgeschosswohnung besaß.
Er freute sich bereits darauf, sich gleich mit einem Glas Rotwein
auf seinen Balkon zu setzen und die Abendsonne noch ein wenig zu genießen. Plötzlich hörte er von einer Seitenstraße aus eine
Stimme in brutalem Tonfall ausrufen: "So eine wie du ist es doch
gar nicht wert zu leben - weg mit dir!" Er blieb stehen und im
nächsten Moment schrie eine Frau auf. Er eilte hin. Mehrere junge
Männer in schwarzen Lederklamotten hatten einer jungen Frau ihre
Krücken weggerissen, sie zu Boden geworfen und begannen gerade
auf sie einzutreten. Karl brüllte so laut er konnte: "Hört sofort
auf damit!" Gleichzeitig hörte man in der Nähe einen Polizeiwagen
mit Sirene fahren - die Kerle ergriffen sofort die Flucht.
Sheryll lag wimmernd am Boden und Karl half ihr auf und holte ihre
Krücken wieder heran, von der eine im Straßengraben und die andere
einige Meter entfernt lag.
"Danke!" Sheryll zitterte am ganzen Körper. Irgendwie schämte sie
sich jetzt, dass sie die Hilfe anderer Menschen immer so verachtet
hatte - jetzt war sie wirklich froh, dass dieser Mann gerade in
der Nähe gewesen war und ihr zur Hilfe kam - weiß Gott, was diese
gewalttätigen Kerle noch mit ihr gemacht hätten.....
"Sind Sie verletzt?" fragte Karl besorgt.
"Nein, ich bin OK, glaube ich." erwiderte Sheryll unsicher.